Archiv für März 2008

Fidem meam obligo…

März 30, 2008

Kurz nach Neujahr habe ich meine Gastfamilie gewechselt. Meine Hostmom, die ja auch in einer Austauschorganisation arbeitet und Schüler, die nach Amerika kommen platziert, meinte, dass ihre Schüler die besten Erfahrungen sammeln, wenn sie über das Jahr in mehr als einer Gastfamilie unterkommen. Also dachte ich mir, mach ich das auch. Meine neue Gastfamilie wohnt zwei Häuserblöcke weiter weg und besteht aus Frank und Laura Augusta, beide um die 50 Jahre alt. Also ich finds hier ganz nett, mir werden alle Freiheiten gelassen und meine alte Gastfamilie besuch ich immernoch ab und zu (ich seh die eh jeden Mittwoch und Sonntag in der Kirche).
Laura war mal Schauspielerin, hauptsächlich im Theater, hat aber auch kleinere Rollen im Fernsehn bekommen. Frank war Techniker bei einer Filmkompanie, über die sie sich dann wohl auch kennen gelernt haben. Mein Schulweg hat sich jetzt zwar auf etwa das doppelte verlängert, aber einige Schüler meiner Schule wohnen hier in der Nachbarschaft.

Vor 5 Wochen hat die Tennis Saison begonnen. Tennis wird hier von der Schule zwar nicht ganz so stark unterstützt wie Basketball oder Volleyball, hat dieses Jahr aber doch mit 18 High School Mitgliedern (9.-12. Klassen) die Höchstzahl erreicht. Jetzt hab ich dreimal in der Woche nach der Schule Tennisunterricht. Anfangs mussten wir in der Sporthalle (die auch gleichzeitig die Aula ist) spielen, da der Schnee sich dieses Jahr viel Zeit ließ. Tennis ist immer sehr lustig, auch wenn nur etwa 10 von uns (mich eingeschlossen) den Ball öfter als zweimal hintereinander übers Netz bekommen. Letzten Donnerstag sollten wir ein Spiel mit einer anderen Schule aus Lewiston (ein noch kleineres Örtchen 200km weiter weg) auf den lokalen Plätzen haben, welches aber ausfiel, da unser Wetter sich als sehr launisch und unentschlossen erwies. Morgens war arschkalt aber strahlender Sonnenschein, Vormittags hats geschneit wie in Sibirien Winter 1937, gegen Mittag kam dann Herbstendestimmung auf und zu der Zeit zu der unser Spiel stattfinden sollte war fast der ganze Schnee wieder ins Walhalla zurückgekehrt. Nur leider haben die das 200km weiter südlich nicht so schnell mitbekommen und unser Spiel blieb ungeschehen. Grad heute heute morgen hat Frau Holle (hat die hier eigentlich nen anderen Namen?) wieder ordentlich Bettdecken auf uns geschmissen, welche am frühen Nachmittag beinahe restlos von unserem Hauptklimawandelverursacher in den Boden gestampft wurden.

Letzte Woche gab es, zum Abschluss des dritten Viertels, ein weiteres Konzert von den Bands der Schule. Wir als Concert- und Jazzband wurden ganz ans Ende geschoben und da viele Leute nur kommen, um ihren kleinen Kindern zuzugucken, waren bei unserem Auftritt nur noch etwa zwei drittel des Publikums übrig geblieben. Deswegen bekommen wir das nächste mal nen eigenen Abend an dem wir unsere phänomenalen musikalisch-akademischen Kenntnisse der Öffentlichkeit präsentieren können.

Was auch schon seit 9 Monaten ein ganz aktuelles Thema ist, sind die Präsidentschaftswahlen im November. Unsere Schülerzeitung „Illuminati“ hat eine „Mock Election“ an unserer Schule durchgeführt, bei der halt jeder Schüler seinen Kandidaten (anonym) wählt und die Daten in der nächsten Ausgabe der Schülerzeitung veröffentlicht wurden. Obwohl wir Austauschschüler keine amerikanischen Staatsbürger sind, haben wir unser Stimmchen abgegeben und somit unsere politisch stark geprägte Meinung ausgiebig vertreten. Einigen Schülern, die das wohl sehr ernst nahmen, schien das nicht soo sehr gefallen zu haben. Wie in Deutschland auch kümmert sich etwa die Hälfte der Jugendlichen so ziemlich sehr überhaupt nicht um den ganzen Präsidentenumzug. Nun bin ich aber an eine akademisch sehr stark geprägte Schule gelangt, an der man geschlachtet wird, wenn man erwähnt, Politik interessiere ihn nicht allzu sehr. Sehr lustig ist auch, dass kaum einer weiß, wer jetzt wirklich noch im Rennen ist und wer schon vorzeitig aufgegeben hat. Ursprünglich waren es wohl um die 17 Kandidaten, von denen wohl 12 oder 13 (oder auch 14) nacheinander ausgestiegen sind. Selbst das Internet hat mehr als nur eine Antwort auf diese Frage. Idaho ist im Grunde genommen eher Republikanisch (womit die Tatsache, dass ich bis jetzt hier nur einen Schwarzen (politisch korrekt: Amerikaner afrikanischer Herkunft) gesehen hab zu tun haben könnte), womit der liebe Herr John McCain (manchmal auch als „zweiter George Bush“ bezeichnet) als Präsidentierender in Frage kommen würde. Wie auch immer, auf meiner Schule jedenfalls hat in allen Klassenstufen, jedem Geschlecht, jeder Herkunft und in allen weiteren Unterunteruntergruppierungen der Demokrat Barack Obama gewonnen, für den ich zufälligerweise auch mein Kreuzchen gesetzt hatte. Ich weiß ehrlich gesagt nicht so genau, ob er wirklich wegen seinen politischen Meinungen gewonnen hat oder schlicht hintergreifend aufgrund der Tatsache, dass er der erste auf der Liste war. Jedenfalls hab ich ein wenig rumgefragt, warum man denn wen wählen sollte und es kamen doch sehr unterschiedliche Antworten bei raus. Meine Lieblingsbegründung: „McCain is SO UGLY i can’t stand it. I do NOT want to look at that face for the next 4 years!“. Ich glaube eine Übersetzung ist hier überflüssig :D Größtenteils aber gab man mir, oder versuchte man mir politisch relevante Gründe zu geben- Aber in Deutschland ist das ja nicht anders. Ja, Barack Obama sieht schon ganz sympathisch aus und seine politischen Pläne auch.

Der gestrigen Abend hat mir ein schwer vermisstes geniales Berlin-feeling verschafft. Ich war mit zwei Kumpels in nem mit Studenten gefülltem Cafe in dem eine kleine total unbekannte Band spielte. Einfach nur dazusitzen, der manchmal ganz guten Musik zu lauschen, umgeben von Menschen die quatschen, irgendwas aufschreiben, nen Kaffee trinken, am Laptop herumfummeln, ein Buch lesen oder auch einfach nur dasitzen und der Musik zuhören hat mich doch sehr an Berlin erinnert und mein Heimweh verstärkt. Die Band heißt Unison, falls es irgendwen interessiert. Und bekannt sind die wirklich nicht, hab im Netz gesucht. Anschließend sind wir Bowlen gegangen. Naja, sagen wir mal ich hab mich ganz gut gehalten. Als dann gegen Ende die Bowlingbahnen eine eine erstaunliche Metamorphose durchliefen und sich in Diskotanzflächen verwandelten (jetzt im übertragenem Sinne, so weit sind die mit der Technologie dann doch nicht voraus) war mein drang nach Erfahrung für den Abend gestillt und ich konnte getrost nach Hause gehen und mich in mein Bettchen (das übrigens sehr groß und beheizt ist) hauen. Welche Erfahrung ich dann am nächsten Morgen gesammelt hab, schrieb ich ja bereits.

Heute Abend war ich auf ner Geburtstagsfeier, die (wieder mal) im Skate Plaza, einer Art Schlittschuhlaufbahn für Inline-Skater und diese Vier-Räder-Rollschuhe (haben die eigentlich einen spezielleren Namen?) statt fand. Sehr viele Treffen der Jugend sind entweder auf der Bowlingbahn oder im Skate Plaza. Aber war trotzdem ganz lustig. Wir haben die Weltkriegsszenarien beim Billard nachgespielt (heißt so viel wie ich hab verloren, zwei mal…).

Morgen geht’s nach Seattle. Ja, das heißt Urlaub. Frühlingsferien für eine ganze Woche! Das wären dann schon die zweite Woche Ferien in diesem Schuljahr (die erste war Weihnachten). Ich hoffe ich werde dann Spannenderes zu erzählen haben.Machts gut leutz, man sieht sich
.henrik

Aut viam inveniam aut faciam.

März 17, 2008

Wo soll ich anfangen? Der letzte Bericht ist nun schon 4 Monate her und in der Zeit ist so einiges passiert.
Winterzeit in Nord-Idaho ist Snowboardzeit. Fast jeder Jugendlicher hat ein Snowboard und eine Saison-Karte für einen der 3 geläufigen Berge mit Ski- und Snowboardpisten. Da in diesem Jahr so viel Schnee fiel wie in den 8 letzten Jahren nicht gefallen ist, waren die Pisten auch dementsprechend gut besucht. Im Januar hatten wir fast eineinhalb Meter Schnee! Wie gesagt, Rekordbruch der letzten 8 Jahre. Ich hab gehört, dass ihr in good-old-Germany so gut wie gar kein Schnee, dafür aber umso mehr Regen und Sturm (Orkan Emma) hattet =) . Naja, jedenfalls hat uns dieser enorme Schneefall insgesamt 3 freie Tage gebracht (keine Schule, da zu viel Schnee) und einen verkürzten. Alle anderen Schulen hatten ein paar mehr, aber wir Charter-nichts-ist-wichtiger-als-akademische-hardcore-Bildung-Schüler mussten unter der Sturheit unseres Schulleiters leiden. Was solls. Jetzt bricht gerade der Frühling an und der Schnee hinterlässt seine Seen.
Snowboarden:
Insgesamt war ich 5 mal schneebrettern. Zweimal auf nem Berg „Lookout“ gennant, zweimal auf „Silver Mountain“ und einmal auf dem „Mount Spokane“. Am besten hat mir der Siberberg (Silver Mountain) gefallen, nicht nur weil ein guter Kumpel der Sohn der Managerin ist und mir freie Karten besorgen kann ;) Lookout ist so der Berg für den kleinen Geldbeutel (wobei alle Berge [und Verleihe] billiger sind als in Deutschland) weswegen die meisten Teenies sich dort die Hänge hinabstürzen. Auf dem Mount Spokane war ich nur weil wir dort Rabatt bekommen haben (10$ ~7.4€). Aber der beste, schönste und teuerste Berg ist der „Schweitzer“, auf dem ich noch nicht war (und auch wahrscheinlich nicht sein werde). In der Galerie (Snowboarden) ist halb-Panoramabild vom Silver Mountain, der Ausblick war genial. Am Abend, als die Sonne unterging war es sogar besser. Die Berge im Hintergrund, angeschienen von der Abendsonne, Wald und Bäume um dich herum, ein kleines Dörfchen unten im Tal….bei solchen Aussuchten merke ich, dass es eigentlich genau das ist, wo ich schon immer hin wollte. Genug emotionale Ausdrücke.
Neben dem Snowboarden konnte man hier eigentlich nicht weiter viel machen. Im Grunde genommen nichts weiter. Ab und zu war mal ne kleine Geburtstagsparty (zu dem Ausdruck „Party“ später mehr) aber doch wesentlich weniger als gegen Anfang des Austauschjahres (da war etwa jedes Wochenende irgendwo eine). Und wenn man dann auch noch kein Auto hat, bzw keine Berechtigung hat, eines zu fahren kann sich der Winter schon ein wenig hinziehen…
Weihnachten war toll und traurig zugleich. War halt mein erstes Weihnachten ohne die gewohnte family um mich rum. Aber schön war es trotzdem. Schon eineinhalb Monate vor dem eigentlichen Heiligabend stapelten sich die Geschenke unter dem reichlich beschmückten Plastik-Weihnachtsbaum (der immerhin schon 20 Weihnächte erlebt hatte =). Ich hatte mir zwar fest vorgenommen, die Geschenke diesmal frühzeitig zu organisieren, hab letztendlich aber doch den traditionellen Weg gewählt (wenn auch eher weniger gewollt) und die Geschenke in der Woche vor Heiligabend eingekauft. Zumindest fiel das Fehlen meiner Geschenke unter dem Weihnachtsbaum nicht weiter auf. Aber ich kann sagen, dass ich hier nicht der einzige Geschenke-auf-dem-letzen-Drücker-Einkäufer bin =)
Geschenke werden hier erst am Morgen des 25. Dezembers ausgepackt (wobei die Zwillinge+Landon schon 4 Tage vorher angefangen hatte –> demzufolge musste ich auch =). Am Abend des 24. lud meine family eine andere Familie (die kennen sich schon seit wasweißich …15 Jahren..?) zu einem Crab-Essen (nein, nicht crap….) ein. War sehr lecker =)
Als ich am nächsten Morgen aufwachte (naja, aufgeweckt wurde..) waren die anderen schon am auspacken (hatte aber nicht viel verpasst). Meiner Gastmom hatte ich diese Duftöle geschenkt (mir wurde erzählt, dass sie darauf steht, schien zu stimmen), mein Hostdad hat nen Geschenkegutschein für das Bauhaus bekommen, in dem er immer seine Farbe einkauft (er ist Maler [also nicht der Künstlermaler...]), Crosby hat nen T-shirt auf dem „Those who say they know everything annoy those of us who do.“ steht (ich mag den Spruch = D), meine Zwillingshostbrothers haben eine Xbox bekommen (nein, keine xbox360, ein Freund hat mir seine alte für einen sehr guten Preis verkauft) und dazu noch ein paar Spiele, Landon hat niedliche rosa Handschuhe bekommen (wenn ich niedlich sage will das schon was heißen) und Leslie einen mp3player (nein, keinen 200$ iPod….).
Ich selbst bekam viel zum anziehen (ich hatte einen Großteil meine Kleidung zerstört indem ich Bleicher anstatt Waschmittel in die Waschmaschine gekippt hatte [es war 6:10 morgens!!!] aber da möchtet ihr mich bitte nicht drauf ansprechen…), einen Gitarrenständer (meine Gitarre war dankbar), einen Drucker (für SchoolWork), Handschuhe, ne Mütze und ein paar Schuhe. Naja, alles in einem ein erfolgreiches Weihnachten. Aus Deutschland bekam meine Family auch noch Geschenke und 2 Tonnen Süßigkeiten. Ja, deutsches Süßzeug ist hier doch sehr begehrt. Basti (der andere deutsche Austauschschüler aus Frankfurt) und ich bringen ab und zu etwas zur Schule (wasweißich, ne Tüte Haribo Zeug oder so) welche dann doch relativ schnell geleert wird. Amerikanische Süßigkeiten sind jetzt nicht ganz so mein Ding. Die Schokolade ist meist ein wenig trocken und so Sachen wie Gummibärchen (überhaupt alles, was Gelatine enthält) sind ziemlich klebrig und schwierig von den Zähnen abzukratzen. Aber das heißt nicht, dass es hier nicht auch gute Süßigkeiten gibt. Die American Cookies schmecken hier z.b. noch besser als die bei uns von Aldi :D
Nach Weihnachten komm Neujahr. Ich war Silvester zusammen mit ein paar Charter Leuten (so nennen wir unsere Mitschüler) bei ner Freundin, etwas weiter weg. Ich bin mit Luke (wohnt fast nebenan) hingefahren. Wir wollten (sollten) Wunderkerzen mitbringen, was sich dann doch als schwieriger erwies als gedacht. Wir haben in insgesamt 5 Läden nach Wunderkerzen gefragt und keine gefunden. Überhaupt schien New Years Eve eher aus Tischfeuerwerk zu bestehen, welches auch verglichen mit Deutschland ziemlich teuer war. Also mussten wir ohne Wunderkerzen auskommen. Wir haben dann noch die Pizzen abgeholt (sehr lecker, aber etwa 10€ pro Pizza. Aber dass der Laden die Auszeichnung für den besten Pizzabäcker Nord Idahos bekommen hat, fand ich doch schon ein bissle traurig…), haben uns dann zwei Filme angesehen (der eine davon hätte glatt ne Kopie von „Jeepers Creepers“ sein können. einige von euch wissen, was ich meine ;-) ) und um 12:00 gabs dann Apple Cider anstelle von Sekt zum anstoßen. War ganz lustig, aber auf den deutschen Neujahrsparties ist einfach mehr los.
Ich hoffe ihr hattet alle ein schönes Weihnachtsfest und seid gut ins neue Jahr gerutscht. Ich hab doch das Gefühl, 
so einiges in Dland verpasst zu haben
(wie z.b. die Geburt meiner Schwester Marie) und bin mittlerweile bereit, wieder nach hause zukommen, doch dazu mehr im nächsten Teil (sollte in zwei/drei Tagen fertig werden).

Grüße
.henrik